In der Kategorie Berliner Altbauten wurden 27 Treppenhäuser zum Wettbewerb eingereicht.
Man kann in einem Altbautreppenhaus mit einem derart ungewöhnlichen Treppenhausauge eigentlich nichts falsch machen – oder alles. Die Eigentümer haben sich in diesem Fall für die erste Variante entschieden und ganz bewusst auf die vorhandene gestalterische Qualität des Treppenauges gesetzt, das einerseits von seiner Form, andererseits von der strengen Einfachheit von Handlauf und in der gesamten Treppenhaushöhe durchgehendem Treppengeländer lebt. Die spröde Schönheit wird durch die zurückhaltende Farbgebung – helles Grau der Holzteile und dunkel abgesetzter Handlauf- erreicht und vermittelt Bewohnern wie Besuchern ein Gefühl von Stille, Sicherheit und leichter Kühle und damit genau das, was ein Treppenhaus – neben seiner Erschließungsfunktion soll: Zwischenraum zu sein zwischen dem Draußen und dem Drinnen der eigenen Wohnung.
Bei diesem Altbau handelt es sich um das Pfarr- und Gemeindehaus der binnen Jahresfrist im Stil niederdeutscher Barocksteingotik errichteten und kurz vor Weihnachten 1906 eingeweihten Heilige-Geist-Kirche in Moabit. Das architektonisch an die Kirche angepasste Gemeindehaus wurde 1910 fertiggestellt. Die Baukosten betrugen heute sagenhaft anmutende 178.00 Mark (die der Kirche übrigens nur gut das Doppelte). Das inzwischen Wohnungen beherbergende Gemeindehaus besticht im Treppenhausbereich durch Schlichtheit, Robustheit und Solidität. Gegen das in Schwarz gehaltene und nur zurückhaltend mit Verzierungen versehene schmiedeeiserne Treppengeländer mit seinem rötlichen Holzhandlauf und das Grünspan der alten PVC-Stufenauftritte werden im unteren Bereich des Treppenhause dunkle und helle Blautöne gesetzt und im oberen Bereich der Treppenwände ein freundlicher Gelbton; beide Bereiche werden durch umlaufende, schablonierte Schmucklinien getrennt. Eine überzeugende handwerkliche Leistung!
Während die Neubauten, die derzeit in Berlin errichtet werden, sich häufig wieder auf die strenge Formensprache der Bauten aus den 20er und 30er Jahre des vorigen beziehen, scheint der Publikumsgeschmack immer noch ein anderer zu sein: Die Macht der Pracht von Stuck, Marmor und Kronleuchtern, von Spiegeln und vergoldeten Rosetten ist ungebrochen. Ein Beispiel liefert dafür die Holsteinische Straße 25, die von der Jury mit einem dritten Preis bedacht, vom Publikum aber ganz nach oben auf den Schild gehoben wurde. Trifft man als Handwerker auf Hausflure und Treppenhäuser mit dieser ursprünglichen und ausladenden Pracht, schrumpft der Raum für eigenen Gestaltungswillen auf Null, dafür wächst die Verantwortung für den Erhalt und/oder die Wiederherstellung des Ursprünglichen ins Unendliche. Hier ist man dieser Verantwortung gerecht geworden; insbesondere bei der Restaurierung der alten Wandbilder hat der Malermeister überzeugende Arbeit geleistet.
In der Kategorie Zwischenkriegsbauten wurden 2 Treppenhäuser zum Wettbewerb eingereicht.
Das als Zwischenkriegsbau eingereichte Treppenhaus in der Parkaue 36 in Lichtenberg erfüllt dieses Kriterium nur, wenn man nicht – wie üblich – die Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg zugrunde legt, sondern die Zeit zwischen dem deutsch-französischen Krieg und dem Ersten Weltkrieg. Tatsächlich entstand das Mietshaus, das Bestandteil des Denkmalschutzensembles Parkaue ist, zwischen 1912 und 1913 – ein klassischer Wilhelminischer Prachtbau. Das Treppenhaus lebt von den zahlreichen Stuckelementen, insbesondere dem breiten horizontalen und gut herausgearbeiteten Stuckfries und der zurückhaltenden Farbgebung der Treppenhauswände. Die breiten einflügeligen Wohnungseingangstüren wurden ebenso wie das Treppengeländer naturbelassen. Die handwerkliche Leistung ist überzeugend exakt ausgeführt worden und wird diesem Prachtbau gerecht.
In der Kategorie Neubauten wurden 3 Treppenhäuser zum Wettbewerb eingereicht.
Wer den vom Züricher Architekten Mar Kocher, einem früheren Mitarbeiter von Aldo Rossi, entworfenen Neubau an der Winsstraße44/Ecke Jablonskistraße 30 betritt, erlebt eine – angenehme – Überraschung. Die beginnt bereits mit der großzügigen Deckenhöhe (die sich bei den Wohnungen übrigens fortsetzt –alle 25 Eigentumswohnungen verfügen über eine Deckenhöhe von mindestens 3 Metern). Statt wie so oft bei Neubauten nur auf Stahl, Stein und Glas zu stoßen, kommt der Eingangsbereich insgesamt eher im besten Stil der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts daher – bis hin zu den Lampen nach Bauhausart. Mit sparsamen Stuck präsentieren sich die Decken im Ixelbereich und die eine oder andere Wand, die pastellige Farbgebung in den oberen Wandbereichen vermitteln im Ergebnis beim Betrachter einen Hauch von mediterranem Gefühl.
In der Kategorie Ein- und Mehrfamilienhäuser, Stadtvillen wurden 8 Treppenhäuser zum Wettbewerb eingereicht.
Hier sind zwei aufeinander getroffen, von denen der eine (Bauherr) großen Mut und der andere (Malermeister) große Handwerkskunst bewiesen hat. Zu gestalten war das eliptisch geformte Treppenhaus, das der inneren Erschließung einer modernen Stadtvilla dient, die ansonsten stringent funktional und sachlich gestaltet ist. Gegen die Strenge und den Minimalismus des Stahltreppengeländers mit naturbelassenem klarlackierten Holzhandlauf und die Kühle der steinbelegten Treppenstufen setzen Bauherr und Malermeister ein Tapetenpaneel, das die Wirkung von genopptem Leder hat, den eliptischen Schwung des Treppenhauses aufnimmt und kongenial verstärkt und dabei jene Grenze nicht verletzt, die gerade bei einer solchen Gestaltung Kunst und Kitsch trennt. Dabei besticht auch die außergewöhnliche handwerkliche Qualität der Arbeit. Die Tapete musste im spindelartigen Verlauf vielfach geschnitten und angesetzt werden, um den Eindruck eines natürlich fortlaufenden Musters zu erreichen – hier wurde ein perfektes Ergebnis erzielt!